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27. BARMER GEK Alsterlauf: Der Tag des Adrenalins, der Rekorde und der Deutschen Meister

Kenner des Alsterlaufs merkten es schon vor dem Start: es lag mehr Adrenalin in der Luft als jemals zuvor in der 27jährigen Geschichte der Hamburger 10 km Top- Straßenlaufveranstaltung: denn neben dem gewohnt großen Teilnehmerfeld waren hier heute erstmals die Deutschen Meisterschaften und -Seniorenmeisterschaften zu Gast – mit zusammen 726 Teilnehmern – zusätzlich zu den etwa 4700 Nicht- DM-Läufern und dem starken kenianisch-äthiopischen Elite- Starterfeld. Es war ein Experiment, die DM in eine Großveranstaltung zu integrieren. Da die Meisterschaftsplatzierung nur nach Bruttozeiten gewertet wird, gab es auf der Mönckebergstraße einen eigenen und vorne gelegenen DM-Startblock direkt hinter der ersten Reihe der internationalen Eliteläufer (unter diesen mit der Startnummer 1 Antonina Kwambai, Siegerin des hella Halbmarathons). Im DM Startblock fand sich Laufprominenz aus ganz Deutschland ein, darunter aus Hamburg das Trio Mona Stockhecke, Jana Sussmann und Agata Strausa (Laufteam Haspa Marathon Hamburg), die sowohl den Deutschen Meistertitel in der Mannschaftswertung als auch den Hamburger Rekord in der Mannschaftswertung im Blick hatten. Neben  der Einteilung der Startblöcke brachten die DM noch einige andere Neuerungen mit sich: Kontrolleure der NADA (Nationalen Doping-Agentur) prüften Teilnehmer, sehr streng wurde darauf geachtet, dass das Absperr-Flatterband nicht übertreten wurde, das Herunterzählen vor dem Start musste, da nicht regelkonform, entfallen und den Startschuss gab zwar erneut die Weitsprung- Olympiasiegerin 1992 und 2000 Heike Drechsler – aber das tat sie diesmal ausdrücklich nur im Auftrag des DLV- Kampfgerichts. Immerhin, hochsommerliches Kaiserwetter und das Lied vom “Jung mit’n Tüdelband” gab es “wie gewohnt”.

Und ab ging es um 10:00. Man merkte es: im vorderen Bereich des Feldes war das Tempo die Mönckebergstraße bergauf dem Uhrenwagen und Führungsfahrrad (im Sattel: Streckenvermesser Wolle Timm) hinterher höher als sonst. Unmittelbar im Anschluss an die DM-Läufer (erkennbar an ihren dreistelligen Startnummern) folgten dann als zweite Welle etwa 1500 Nicht-DM-Läufer, und parallel setzte sich der zweite Startkorridor auf dem Steindamm in Bewegung.

Hastig setzten sich die Zuschauer, sofern sie nicht den Start des Schülerlaufs mitverfolgten, in Richtung Ballindamm in Bewegung, wo sich nach einem Zwischenspiel 2015 das Ziel wieder befindet, mit der berühmt-berüchtigten Steigung am Wallringtunnel und der sehr langen Zielgeraden (beliebt bei den im Ziel wartenden Fotografen und bei den Zuschauern – schon allein des Nervenkitzels wegen, ob der um die Ecke biegende Führungsläufer einen erneuten Streckenrekord hinbekommen wird).

Nach 27 Minuten 10 Sekunden bog der Uhrenwagen um die Ecke. Das sah reichlich knapp aus für einen Streckenrekord (der bei 28:17 liegt). Nach 28:01 war die Führungsgruppe noch nicht einmal am roten e.on Torbogen vor dem Zielbogen angekommen – das war ein rekordverdächtiges Tempo, aber ob das zum Unterbieten der 28:17 des zweimaligen Alsterlauf-Siegers Richard Kiprop Mengich reichen würde? Der Mann mit der Startnummer 21 hatte sich an die Spitze gesetzt: es war Kalipus Lomwai aus Kenia, nicht als einer den Favoriten gehandelt. Er kämpfte bis zum letzten Meter, Nr. 23 Zelalem Mengistu (ETH) war in Griffweite nur eine Sekunde hinter ihm und Erick Koskei (KEN) nur drei weitere Sekunden dahinter. Das Kämpfen zahlte sich für Lomwai aus: er holte sensationell knapp den Sieg mit einer(!) Sekunde Vorsprung und ebenso knapp und unerwartet verbesserte er den Streckenrekord um drei Sekunden. Sechs Läufer blieben unter 28:45. “Es war der schnellste Alsterlauf aller Zeiten”, befand Renndirektor Karsten Schölermann später im Gesamtrückblick.

Und dann folgte das Ereignis des Tages: Florian Orth, LG Telis Finanz Regensburg, folgte mit hochgerissenen Armen in einer Top- Zeit von 28:59 und wurde damit Deutscher Meister – mit nicht gerade mit komfortablem Vorsprung: nur sieben Sekunden hinter ihm wurde Amanal Petros, SV Brackwede, Deutscher Vizemeister. Erst auf dem letzten km entschied sich das Rennen, verriet Orth später bei der Siegerehrung. Erst im Ziel hatte er erfahren, dass er unter 29 Minuten geblieben war.

Der Tag der Rekorde und der haarscharfen Siege ging weiter: mit der Favoritin Antonina Kwambai lief zum ersten Mal eine Frau den Alsterlauf unter 32 Minuten, genau in 31:52, verbesserte den Streckenrekord um 13 Sekunden – und hatte ihre Verfolgerin Naom Jebet (KEN) ganze drei Sekunden hinter sich.

Dicht an dicht kamen die Läufer ins Ziel, obwohl die Uhr noch nicht einmal 33 Minuten anzeigte – absolutes Leistungssportniveau vor ein paar tausend Zuschauern. – Und dann, in 33:19, die neue Deutsche Meisterin: Melat Yisak Kejeta vom PSV Grün-Weiß Kassel.

Neben den Deutschen fanden auch die Hamburger 10 km Meisterschaften statt. Hoch gesetzt bei den Männern: Mourad Bekakcha (HSV). Er wurde seiner Rolle gerecht: Mit 31:35 hatte er eine halbe Minute Vorsprung vor Mathias Jarck (ebenfalls HSV) und kam auch wieder in die Nähe seiner persönlichen Bestzeit (31:15) und wurde zudem Deutscher Meister der Altersklasse M35. Und das Damen-Trio vom Laufteam Haspa Marathon Hamburg? Jana Sussmann wurde in 34:23 erste der drei, Hamburger Meisterin und Dritte der Deutschen Meisterschaft. Und: sie, Agata Strausa (34:55) und Mona Stockhecke (35:04) schafften den Doppeltriumph: Deutscher Meistertitel in der Mannschaftswertung – fast eine Minute vor Grün- Weiß Kassel – und Hamburger Rekord! Sussmann wirkte wie erlöst (und wurde offenbar sehr oft gefragt, ob sie mit ihrer Leistung denn zufrieden wäre – ja, das war sie).

Die wohl längste Kette an Siegerehrungen in der Geschichte des Alsterlaufs folgte – im Vorfeld war ihre Zahl auf 40 geschätzt worden. Gesamtwertung, Deutsche Meisterschaften, Hamburger Meisterschaften, das pro Altersklasse und Einzel/Mannschaft. Den Auftakt machte Olaf Lietz vom Titelsponsor BARMER GEK, der auf der Bühne schon einmal mündlich die Verlängerung des Sponsorings um zwei Jahre zusicherte. Die traditionelle Scheckübergabe an die AIDSHilfe Hamburg e.V. erbrachte 4415 €, die Partner hella Mineralbrunnen noch einmal um weitere 1000 € aufstockte.

Ein wenig musste der Zeitplan der Siegerehrungen improvisiert werden – einige Teilnehmer waren noch bei der Dopingkontrolle, die von der NADA unabhängig vom Veranstalter und vom DLV durchgeführt wurde. So kamen die Altersklassen zuerst zu ihren Medaillen. Dort gab es noch einen Rekord: Joachim Krüttgen (Hamburger Sportclub) holte nicht nur den Deutschen Meistertitel in der Altersklasse M65, sondern auch noch den Hamburger Seniorenrekord über 10 km. Hamburger Seniorenmeister wurde der mehrfache Senioren- Europameister “nebenbei”. Und kündigte an, dass er weitere Hamburger Rekorde verbessern will – durchaus plausibel, zumal er dies in den letzten Jahren auch in der Altersklasse M60 schon erfolgreich durchgezogen hat.

Ob der 28. Barmer GEK Alsterlauf wieder mit Deutschen Meisterschaften stattfinden wird? Karsten Schölermann jedenfalls “fand es großartig – ich war heute sehr stolz, dass wir zwei Wettbewerbe mit einem Startschuss starten konnten”. Harald Rösch, Vorsitzender des DLV- Bundesausschusses Laufen, stimmte zu: “Ich bin sehr zufrieden und drücke Ihnen die Daumen für die Zukunft!” Und die Teilnehmer? Der Veranstalter bittet um Feedback, ob das Experiment, 10 km Straßenlauf- Meisterschaft und Großveranstaltung zusammenzulegen, geglückt ist. Auf jeden Fall sehen wir uns am 10.9.2017 wieder!

Text: Heiko Dobrick, www.laufen-in-hamburg.de

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